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 Netzwerk westfälische Amerika-Auswanderung seit dem 19. Jahrhundert

"DAUSA" und die niedersächsisch-westfälische Auswandererforschung im Osnabrücker Land

von Friedel Schütte

In Osnabrück und im benachbarten Oldenburger Münsterland hat nach dem Zweiten Weltkrieg die zentrale und wissenschaftlich fundierte Forschung nach dem Schicksal mehrerer hunderttausend Amerikaauswanderer des 19. Jahrhunderts offenbar früher begonnen als in Westfalen. Und: Trotz eines damals gleich schweren, politischen und wirtschaftlichen Schicksals der notleidenden Bevölkerung dieser beiden geographisch, mitmenschlich und religiös zusammenhängenden Großregionen gab es bis in die Gegenwart hinein eine grenzübergreifende, systematische Zusammenarbeit professioneller und privaten Forscher eher nur bei Sonderprojekten und in Einzelfällen: Die Landesgrenze zwischen den Bundesländern Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen wirkt seit dem Zweiten Weltkrieg wie eine Sperrmauer!

Dabei ist die Auswanderungsdichte im Osnabrücker und Südoldenburger Land zwischen 1830 und 1900 mindestens ebenso stark gewesen wie im benachbarten Nord-Münsterland und im Ostwestfälischen:

Professor Dr. Antonius Holtmann von der Universität Oldenburg schätzt die Zahl aller Amerikafahrer innerhalb des heutigen Bundeslandes Niedersachsen vorsichtig auf 400.000, Schwerpunkt: Der "Leineweber-Gürtel" rund um Osnabrück, Dümmersee-Gebiet und Südoldenburg. Wie in Westfalen und Lippe, seien es hier vor allem auch die Spinner, Weber und Heuerlinge gewesen, die ab 1830 aus bitterer Existenznot heraus ihr Glück in Übersee gesucht und dort ihre "Little Gemanies" gebildet hätten.

64mal "Neu Hannover" in Amerika!

Osnabrücker und Oldenburger gehörten damals zum Königreich Hannover, und zu Ehren ihres Heimatlandes gründeten sie in den U.S.A. nicht weniger als 64mal "Neu Hannover". Dabei stehen Pennsylvania mit 18 und Ohio mit sechs Städten und Dörfern namens Hannover an der Spitze.

Seit 1986 hat Professor Holtmann die Gründe und Auswirkungen der Massen-Emigration nach den U.S.A. zu seinem Schwerpunktthema gemacht. Seit 1990 sind Holtmann und seine Mitarbeiter in der Forschungsstelle "Deutsche Auswanderer in den USA" (DAUSA) in der Lage, in- und ausländischen "Roots"-Suchenden Einblick in Passagierlisten (1800-1897) und in Kirchenbücher evangelischer Gemeinden zu verschaffen. In Cincinnati z. B. haben sich viele Emigranten aus dem deutschen Nordwesten niedergelassen, im Südosten von Indiana vor allem Lutheraner aus dem Osnabrücker Land, in Oldenburg/Indiana Katholiken aus dem Oldenburger Münsterland und in Scribner/Nebraska ("New Oldenburg") Lutherische aus dem Umfeld der Stadt Oldenburg (um 1870).

Passagierlisten als Namensquellen

Seit 1990 werden bei der DAUSA, einer Einrichtung des Instituts für Politikwissenschaft der Universität Oldenburg, 1.586 Rollen Mikrofilm mit erhalten gebliebenen Passagierlisten von Seglern und Dampfern aus Europa aufbewahrt, auf denen auch unzählige Westfalen und Lipper die "Neue Welt" registriert sind (1800-1897). Und:

Dank der Initiative von Antonius Holtmann sind die Kirchenbücher vieler dortiger deutscher Gemeinden auf Mikrofilm aufgenommen worden. Sie stehen Interessenten in der DAUSA zur Verfügung. Genealogische und biographische Nachforschungen in den verfügbaren Beständen der DAUSA werden für einen Unkostenbeitrag von € 25,--pro Stunde übernommen. Wer jedoch selbst sucht, sucht kostenlos!

Oldenburger reisten früher als Westfalen

Beim Vergleich der Auswanderungsströme von Niedersachsen und Westfalen nach U.S.A. gibt es viele Parallelen und Gemeinsamkeiten, vor allem im Bereich der Landesgrenze zwischen Osnabrück und dem Dümmersee. Vom Zeitablauf her besteht jedoch ein kleiner Unterschied:

Der Zug nach Amerika hat im Bereich Südoldenburg und Osnabrücker Land mindestens ein bis zwei Jahre vor den ersten westfälischen Trecks aus dem Kreise Tecklenburg begonnen. Doch auch im Oldenburgischen und Osnabrückischen waren es, wie in Westfalen und Lippe, zuerst einige wenige Männer, die als "Scouts" voraus reisten und für ihre nachfolgenden Landsleute in der Fremde den Weg in eine neue Heimat erkundeten.

Wie und was sie als Kundschafter von dort nach Haus schrieben, hatte auf ihre Familien und Dörfer daheim entscheidenden Einfluss. Man kann ohne Übertreibung behaupten: Erst dadurch kam die Kettenauswanderung richtig in Gang!

Wegbereiter um 1830: Franz-Josef Stallo

Das Oldenburger Münsterland hat einen solchen "Vorzeige-Pionier", der schon ungewöhnlich früh für sich und seine Landsleute eigenständig einen Weg in die unbekannte "Neue Welt" suchte und fand: Den katholischen Buchbinder Franz-Josef Stallo (1793 -1833) aus Damme am Dümmersee.

Stallo war am 22. Juni 1831 nach zweimonatiger Seereise allein mit seinen vier Kindern in New York eingetroffen und per Kanalboot über die Großen Seen bzw. mit Pferd und Wagen und zu Fuß nach Cincinnati gereist. Dieser mutige "Scout" hat dort vor allem Südoldenburger Katholiken um sich geschart und im Jahre 1832 etwa 160 km nördlich Cincinnati in den sumpfigen Urwald hinein die Siedlung "Stallotown" (seit 1836 "Minster") gebaut.

Schon ein Jahr darauf meldeten Heinrich Ronnebaum und Heinrich Plaspohl aus Damme, wie Professor Holtmann herausgefunden hat, ihr "Oldenburg" in Indiana (100 km westlich von Cincinnati) als Wohnort an. Dem folgte 1839 das gemeinsam von Osnabrückern und Westfalen gegründete "Teutopolis".

Lahmeiers "Lied aus Amerika" mobilierte deutsche Behörden

Ein ganz außergewöhnlicher Pionier war Franz Lahmeier aus Ostercappeln. Lahmeier hatte im Oktober 1832 Baltimore erreicht. Er war Drechslergeselle von Beruf und "concessioniert gewesener Zahnauszieher", wie später entstandene Polizeiakten der Landdrostei Osnabrück melden.

Lahmeiers Anfang 1833 in Baltimore gedruckte und schon im folgenden Frühjahr in der Heimat verbreitete "Schmähschrift" hat die Behörden zwischen Bremen und Münster, von der Ems bis an die Weser, in helle Aufregung versetzt. Sie enthält nämlich ein von Hand zu Hand weitergereichtes, 49-strophiges "Lied aus Amerika", worin die heimatliche Obrigkeit verhöhnt, das freiheitliche Leben in Amerika hingegen verherrlicht wird.

Das literarisch zwar holprige, in Westfalen und Niedersachsen damals gleichwohl sehr populäre Schmähgedicht auf die drückenden politisch Verhältnisse sowie die große wirtschaftliche und soziale Not in der Heimat beginnt so:

"Heil Dir Columbus, sei gepriesen,
Sei hochgelobt in Ewigkeit.
Du hast uns einen Weg gewiesen,
Der uns aus harter Dienstbarkeit
Erretten kann, wenn man es wagt
Und seinem Vaterland entsagt."

Niedersächsischer Top-Chronist: Johann Heinrich zur Oeveste

Ein Zeitgenosse des Auswandererpioniers Franz-Josef Stallo aus Damme war der Lutheraner Johann Heinrich zur Oeveste (1801-1878) aus Rieste bei Osnabrück.

Zur Oeveste hatte Mitte Mai 1834 Baltimore erreicht und war einige Wochen später in Cincinnati, wo er sich an der Gründung der Norddeutschen Lutherischen Kirche beteiligte. Diese wurde im Volksmund auch die "Plattdeutsche" und "Osnabrücker Kirche" genannt.

Heinrich Zur Oeste gilt als einer der Gründungsväter der "Vereinigten Evangelischen Lutherischen und Reformierten St. Johannes Gemeinde am White Creek". Ab 1849 nannte sich diese Gemeinschaft dann "Deutsche Evangelisch-Lutherische St. Johannes Gemeinde am White Creek".

Das ganz Außergewöhnliche: Seit 1847 wurden hier Reformierte aus dem Tecklenburger Land, ferner Unierte aus dem Ostwestfälischen nicht mehr zum Heiligen Abendmahl zugelassen!

Professor Holtmann entdecke mehr als 30 Briefe, die der strenge lutherische Kirchen-Pionier Zur Oeveste an seine Eltern und Verwandten zu Haus schrieb. So war es möglich, dessen amerikanischen Lebensweg nahezu lückenlos nachzuvollziehen. Zugleich gelten diese Briefe bei der DAUSA als Musterbeispiel für eine sich über Jahrzehnte erstreckende, realistische Beschreibung damaliger Verhältnisse in einem Hauptzielgebiet deutscher Amerikafahrer.

Zur Oevestes Briefe: Gegenstück zu Westfalens US-Post von "Jette" Bruns

Die "Korrespondenz Zur Oeveste" stellt sozusagen das "evangelische" Gegenstück zu jenen vielen hundert Briefen dar, die die katholische Emigrantin und Arztfrau Henriette (Jette) Bruns aus Oelde Westfalen zwischen 1836 und 1890 von Westphalia und Jefferson City (Missouri) aus ihrem geliebten Bruder Heinrich Geisberg nach Münster schrieb und die der Nestor der westfälischen Auswandererforschung nach dem Zweiten Weltkrieg in den U.S.A., Professor Dr. Adolf Schroeder, in seinem bewegenden Buch "Hold Dear, As Always, Jette" zum größten Teil veröffentlicht hat.

Wer mehr über die Beschreibungen des Osnabrücker US-Heroes Johann Heinrich zur Oeveste und darüber hinaus über die Ketten-Wanderung im 19. Jahrhundert aus dem Osnabrücker und Oldenburger Land nach den U.S.A. wissen möchte, wendet sich an die

DAUSA
Carl von Ossietzky Universität
Ammerländer Heerstr. 114-118
26111 Oldenburg
Telefon: 04486-8484
Fax: 04486-939126
E-Mail: dausa (at) uni-oldenburg.de
Internet: www.dausa.de

Privatanschrift:
Antonius Holtmann
Brüderstraße 21a
26188 Edewecht-Friedrichsfehn
(Mitglied von www.amerikanetz.de)

Niedersachsen fanden auch Briefe aus dem westfälischen Ochtrup

Auf den Internet-Seiten der DAUSA (www.dausa.de) gibt es viele Informationen, auch die vollständige eingeleitete, kommentierte und bebilderte Veröffentlichung der Briefe des Johann Heinrich zur Oeveste (www.uni-oldenburg.de/nausa/buchf.htm), dazu den Hinweis auf die Edition der Briefe (1853) des westfälischen Auswanderers Heinrich Brandes aus dem früheren westmünsterländer Textilzentrum Ochtrup ("Für Gans America Gehe ich nich Wieder Bei die Solldaten..."). Diese Briefe gibt es gedruckt im Buchhandel (Verlag Edition Temmen, Bremen).

Aus der Arbeit der Forschungsstelle ist das Unternehmen "Roots to the Roots" hervorgegangen. Dieses organisiert kulturhistorische Konzepte, wissenschaftliche und touristische Dienstleistungen sowie Studienreisen für amerikanische Besucher wie auch deutsche Reisegruppen auf den Spuren der Amerikaauswanderer nach den USA. Ansprechpartner ist

Dr. Wolfgang Grams
Babenend 127
26127 Oldenburg
Telefon: 0441-9620433
Fax: 0441-9620434
E-Mail: routes (at) t-online.de
Internet: www.routes.de
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