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Schütte
Ein (Auswanderer-) Lied geht um die Welt:
Heil Dir, Columbus, sei gepriesen
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V o n F r i e d r i c h S c h ü t t e
Eine Anfrage des Büros für Kulturvermittlung Minden (Gertraud Strohm-Katzer) an mich als Gründer des Amerika-Netzwerks brachte im Mai 2007 eine transatlantische Recherche ins Rollen: Für eine Veranstaltung zum Thema Auswanderung am 9. September 2007 in der Löffler-Halle ( mit Tucholsky-Bühne) sind wir auf der Suche nach gedruckten Noten des Liedes Heil Dir Columbus, das von einem Drechslergesellen aus dem Osnabrücker Land verfasst worden sein soll und früher oft gesungen wurde. Können Sie uns die dazu gehörenden Noten besorgen?
www.amerikanetz.de hat die Noten im Rahmen einer ganz und gar ungewöhnlichen Recherche tatsächlich binnen weniger Tage beschafft und inzwischen dem Mindener Kulturbüro nebst Text übermittelt. Heil Dir Columbus kann also für den 9. September einstudiert werden! Dazu soll u. a. aus Mindener Auswandererbriefen rezitiert werden. Nur, die Frage, wer denn nun wirklich Autor dieses berühmten und zur Emigration nach USA auffordernden Schmähliedes auf das monarchistische Deutschland in der ersten Hälfte des 19.Jahrhunderts gewesen ist: Dazu gab es bei einer Blitzumfrage unter Mitgliedern und Freunden des Amerikanetzwerks recht unterschiedliche Antworten.
Kamphoefner: Franz Lahmeyer war der Dichter
Professor Dr. Walter Kamphoefner (Texas A&M-University) schreibt den 59 Strophen umfassenden Liedtext bereits Anfang der1980er Jahren dem aus Ostercappeln bei Osnabrück stammenden Drechslergesellen und Zahnauszieher Franz Lahmeier zu (s. Westfalen in der Neuen Welt , Coppenrath-Verlag, Münster 1982).
Eine von Netzwerkmitglied Martin Holz aus Rosendahl (Kreis Coesfeld) erschlossene Fundstelle im LWL Landesmuseum Münster, überschrieben mit Auswandererlied der 1830er Jahre / Heil Dir Columbus, nennt hingegen einen ominösen Drechslergesellen Perkin als Urheber, der um 1830 aus Osterkappeln im Osnabrücker Land nach Baltimore in den USA auswanderte. Es folgt der bekannte Text, zitiert nach Wolfgang Köllmann Die industrielle Revolution, Bevölkerung Technik, Wirtschaft usw., Stuttgart 1987, S. 14 ff. sowie Lutz Röhrich: Das Auswandererschicksal im Lied, in Peter Assion: Der große Auf- bruch, Marburg 1985, S. 73).
Holtmann auf den Spuren von Lahmeyer und Stallo
Sehr intensiv hat sich Professor pens. Dr. Antonius Holtmann (Carl-von Ossietzky-Universität Oldenburg) mit der Geschichte des Liedes der Lieder früher deutscher Amerikafahrer befasst. Er, der dazu für die nächste Zeit eine Veröffentlichung ankündigt, stellt den von Kamphoefner genannten Autor des Auswandererliedes Heil Dir Columbus, Lahmeyer, in Beziehung zu dem ebenfalls sehr frühen politischen Emigranten und Buchdrucker Franz Joseph Stallo aus Damme am Dümmersee. Anlass dazu gibt ihm eine Veröffentlichung von Jürgen Kessel, wonach Stallo die Autorenschaft für Heil Dir Columbus zukomme.
Wir zitieren Professor Holtmann: Es gibt gute Gründe, Heil Dr. Columbus tatsächlich Franz Lahmeyer zuzuschreiben. Das tue auch ich. Demnächst werde ich meine Argumentation veröffentlichen. Ganz anderer Meinung ist allerdings Jürgen Kessel (Der Dammer Auswanderer Franz Joseph Stallo und sein Lied aus Amerika, in: Osnabrücker Mitteilungen 107 (202), S. 155 180). Danach soll der Liedtext am 22. Januar 1831 in Smyrna bei Philadelphia geschrieben und anschließend an Stallo (nach Damme) geschickt worden sein.
Stallo habe den Text in Damme gedruckt und im Frühjahr unters Volk gebracht. Nachfolgend sei Stallo mehrmonatlich verhaftet und seine Buchdruckerei confisciert worden. Und: daraufhin habe sich Stallo zur Auswanderung genöthigt gesehen.
Stallos Verhaftung nirgendwo belegt
So, Prof. Holtmann, hat es Armin Heinrich Rattermann 1875 im Deutschen Pionier (Cincinnati) dargestellt und jenen Text überarbeitet veröffentlicht, den Gottfried Weber im Pionierverein vorgetragen hatte. Dieser Text kann frühestens Ende Februar 1831 bei Stallo eingetroffen sein. Oldenburgs Staatsarchiv enthält nichts zu Stallos Inhaftierung.
Holtmann, kritisch, weiter: Ich bezweifle, dass er (Stallo) offenbar wochenlang inhaftiert gewesen ist. Stallos Frau Katharina, so Holtmann weiter, war am 2. April 1831 gestorben. In das Kirchenbuch hat der Pfarrer eingetragen War in den letzten (!) blödsinnig, sacramentis tamen munita (Kessel). Sechs Wochen sind doch wohl ein zu kurzer Zeitraum, um darin Druck und Verteilung des Liedes, ferner Verhaftung, Verurteilung und zumindest wochenlange Inhaftierung des Stallo unterzubringen.
Aktenkundig und damit Tatsache sei hingegen, dass Franz Joseph Stallo (36) mit seinen Kindern Martin (12), Ludwig (10), Maria (8), Theodor (6) und Luisa (3) am 22. Juni 1831 an Bord der Juno in New York eingetroffen ist. Zuvor waren sie am 26./27.April 1831 von Bremerhaven (seit September 1830 in Betrieb) abgereist.
Melodie nebst Text an der Uni Freiburg
Melodie und gesamter Text des Auswandererliedes sind lt. Professor Holtmann sowie Gisbert Strotdrees (Historiker/Redakteur beim Landwirtschaftsverlag Münster) beim Deutschen Volksliederarchiv der Universität Freiburg www.dva.uni-freiburg.de zu beziehen. Das Lied wurde und wird nach der Melodie zum Volkslied Jüngling, willst du dich verbinden gesungen. Professor Holtmann fügt hinzu: Eine Melodie aus mündlicher Überlieferung liegt aus der Schweiz vor (1920), eine gedruckte aus dem Jahre 1949 vor, F. Samans, (Hg): Zweite Sammlung beliebter Guitarrlieder, bestehend in 365 Nummern, nebst Melodie und Begleitung; Wesel: J. Bagel 1849.
Gisbert Strotdrees, gebürtig aus Harsewinkel, erinnert sich im Zusammenhang mit dem Auswandererlied Heil Dir Columbus gern seiner Studentenzeit: Übrigens habe ich selbst mal in einer Folkband gespielt und gesungen. Auch ein Auswandererlied gehörte damals zu unserem Programm. Ein weißes Schiff / streicht einsam durch die Wellen
, lauteten die Anfangszeilen.
Wilhelm Niermann besorgte Noten aus Texas
Im Rahmen der Netzwerk-Umfrage unter Mitgliedern und Freunden antwortete sogar ein Genealoge aus Richmond, Texas, (USA), und zwar W. M. von Maszewski. Er ist an der George Memorial Library in Richmond, Fort Bend County tätig. An ihn und seine guten Quellen erinnerte sich Netzwerkmitglied Wilhelm Niermann aus Stemwede-Wehdem und schrieb ihm, seinem langjährigen Forscherfreund auf der genealogischen Basis Wehdem(Deutschland) Texas, eine entsprechende E-Mail.
Die Antwort kam postwendend, inklusiv angeklammerten Textes deutsch und englisch, plus Noten: Die Melodie aus Texas ist mit jener aus dem Freiburger Archiv (Beliebte Guitarrlieder) identisch!
Bild:
Entscheidend wichtige Auskünfte i. S. Heil Dir, Columbus
kamen von Professor Dr Antonius Holtmann (rechts), hier am 8. Februar 2007 zusammen mit dem Hamburger Generalkonsul Duane C.Butcher (links) in der Bibliothek der Universität Oldenburg
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