Niederdeutsche Sprachinseln im Mittleren Westen der USA
von Jan Wirrer (Universität Bielefeld)
Im 19. Jhd. konzentrierte sich die Einwanderung von Deutschland in die Vereinigten Staaten von Amerika vor allem auf den Mittleren Westen der USA. So wies im Jahre 1900 Wisconsin mit über einem Drittel der Gesamtbevölkerung den stärksten Anteil an Einwohnern deutscher Herkunft auf, gefolgt von Illinois und Minnesota mit über 20% sowie Nebraska und Iowa mit etwas unter 20%. Auch in Missouri ist der Anteil von Einwohnern mit deutscher Herkunft überdurchschnittlich hoch. Da die Besiedlung insbesondere außerhalb der größeren Städte sehr kompakt erfolgte und - meist erzwungen durch eine schwierige ökonomische Lage - ganze Großfamilien und Nachbarschaften sich in neu gegründeten Ortschaften gemeinsam ansiedelten und die Neusiedler darüber hinaus über die sog. Kettenwanderung weitere Familienmitglieder sowie Freunde und Bekannte zur Auswanderung animierten, entstanden in den betreffenden Staaten zahlreiche deutsche Sprachinseln. Soweit die Besiedlung vom niederdeutschen Gebiet her erfolgte, waren und sind diese Sprachinseln zuvörderst durch das Niederdeutsche geprägt.
Die empirische Basis der bisher geleisteten Forschungen liefert eine Sprachdokumentation, deren Daten während dreier Feldforschungsaufenthalte in den Jahren 1993, 1997 und 2002 in niederdeutschen Sprachinseln in Illinois, Missouri, Iowa und Wisconsin in zahlreichen Interviews mit Sprechern der zweiten, dritten und vierten Generation zusammengetragen wurden. Das von den dortigen Sprechern gesprochene Niederdeutsch ist durch den Kontakt mit dem US-amerikanischen Englisch stark geprägt. Dies gilt erwartungsgemäß vor allem für das Lexikon, aber auch auf anderen sprachliche Ebenen wie der Syntax und der Phonologie lassen sich Sprachkontaktphänomene nachweisen. Da jedoch die neu aufgenommenen Elemente von den Sprechern zumeist problemlos in das grammatische System der aufnehmenden Sprache integriert wurden, wäre es vorschnell, hierin - selbst wenn die Sprecher autochthones niederdeutsches durch englisches Sprachgut ersetzen - ein Indiz für einen sprachlichen Verfall sehen zu wollen. Hinzu kommt, dass die im Mittleren Westen gesprochenen niederdeutschen Varietäten auch hinsichtlich zahlreicher Schibboleths, welche die jeweiligen Herkunftsvarietäten kennzeichnen, eine erstaunliche Stabilität aufweisen. Beide Befunde, die starke Prägung durch die dominierende Kontaktsprache und der Nachweis charakteristischer sprachlicher Merkmale der Herkunftsregion, lassen es sinnvoll erscheinen, von neu entstandenen Varietäten, nämlich von einem American Low German auf westfälischer, nordniederdeutscher etc. Basis zu sprechen. Da jedoch auf der anderen Seite der ungesteuerte Spracherwerb seit Mitte der 1920er Jahre sukzessive abgenommen hat und mit dem Ende der 1940er Jahre fast vollständig zum Erliegen kam, ist in nicht allzu ferner Zukunft mit einem Erlöschen annähernd aller niederdeutschen Sprachinseln des Mittleren Westens zu rechnen. Dafür spricht auch, dass eine Reihe von Personen, die mir als Sprecher genannt wurden, bestenfalls als Semi-Sprecher einzustufen sind, die Sprachanlässe für das Niederdeutsche zunehmend gegen Null gehen und sich mitunter auf rituelle Kommunikationsanlässe reduzieren und sich generell die ökologischen Bedingungen für das Niederdeutsche des Mittleren Westens in den letzten Jahrzehnten deutlich verschlechtert haben
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