Wolfgang Stüken: Warum die Bewohner von Westphalia, Missouri, Probleme mit dem „Mondschein“ hatten
Die Antwort liefert ein Kirchenzeitungs-Artikel von 1932, den ich bei Recherchen für einen Bericht über den Amerika-Auswanderer Nicolaus Hesse entdeckt habe. Nicolaus Hesse zählte 1835 neben anderen westfälischen Auswanderern zu den Gründern des Ortes Westphalia im US-Bundesstaat Missouri im heutigen Osage-Kreis (Osage County), kehrte aber nach zwei Jahren mit seiner Familie nach Deutschland zurück. Der Artikel “Aus der katholischern Gemeinde ,Westphalia’ in U.S.A.” aus der Feder von Wilhelm Loof, der Antwort auf die Mondschein-Frage gibt, ist am 24. Januar 1932 im damaligen Sonntagsblatt für das katholische Volk „Leo“ in Paderborn erschienen (55. Jahrgang, Nr. 4, Seite 54-56). Dieses Kirchenblatt war über die Grenzen des Erzbistums Paderborn hinaus verbreitet. Loofs Beitrag über Westphalia spielt in der Zeit des Alkoholverbots (Prohibition) und ist hier im Wortlaut nachzulesen. Er wurde von mir mit Anmerkungen versehen.
Mein Bericht „Der fast vergessene Pionier von Westphalia“ über Nicolaus Hesse ist in der Herbstausgabe 2007 der Heimatzeitschrift für die Kreise Paderborn und Höxter, Die Warte, Seite 23-30, veröffentlicht.
Aus der katholischen Gemeinde „Westphalia“ in U.S.A.
Von Wilhelm Loof
Vor siebenundneunzig Jahren fassten verschiedene katholische Familien in der Provinz Westfalen den Entschluss, zusammen nach Nordamerika auszuwandern. Sie verständigten und einigten sich untereinander zunächst dahin, zwei Mann aus ihrer Mitte abzuschicken, die einen geeigneten Platz aufsuchen sollten, auf dem sie sich gemeinschaftlich niederlassen konnten. Die beiden Leute gelangten von St. Louis aus, am Missouri-River entlang, nach dem Osage-Strom. Hier fanden sie alsbald eine schöne, teilweise hügelige Gegend, die in mancher Beziehung Ähnlichkeit mit ihrer westfälischen Heimatprovinz aufwies und deren Boden sehr fruchtbar war. Diese wurde auch von ihnen für eine Niederlassung in Aussicht genommen. Darauf reisten sie nach Westfalen zurück und erstatteten Bericht. Die Sache sprach sich bald herum, und schon im folgenden Jahre trafen fünfunddreißig westfälische Familien ein und gründeten an der ausgewählten Stelle im Staate Missouri und etwa vierzig deutsche Meilen von der Stadt Kansas-City entfernt, eine Ansiedlung, der sie den Namen „Westfalen“ gaben. Die amtliche amerikanische Bezeichnung lautet dementsprechend „Westphalia“. Diese werde ich im Nachfolgenden gleichfalls anwenden, um etwaige Verwechselungen mit der Provinz Westfalen auszuschließen [1].
Die Regierung des Staates überließ jeder eingewanderten Familie 160 Acre, also ungefähr 64 Hektar oder 250 preußische Morgen Land umsonst, das allerdings noch Wildnis und größtenteils Urwald war. Die Urbarmachung des Bodens hatten die Ansiedler selbst zu besorgen.
Die neuen Kolonisten errichteten zunächst ihre Wohnungen in Form von Blockhütten, das nötige Material lieferte der Wald; die reichlich vorhandenen Bäume wurden gefällt, die Stämme auf zwei Seiten mit Säge oder Beil bearbeitet, die stärksten als Pfosten aufgerichtet und die anderen daneben aufeinander geschichtet und entsprechend befestigt. Die noch vorhandenen Ritzen und Spalten verschmierte man mit Lehm. Derartige Häuser, die sehr warm sind, findet man noch in verschiedenen Gegenden des Landes. Sobald jeder seine Behausung fertig hatte und auch der vorerst notwendigste Grund und Boden für Gartenbau und Ackerwirtschaft hergerichtet war, erfolgte die Ausführung einer Kirche und Schule in ähnlicher Weise wie die der Häuser. Und zum Schluss baute man noch eine kleine, gemeinschaftliche Brauerei, um sich bei der gewiss nicht leichten Kolonistenarbeit auch hin und wieder durch ein gutes Glas Bier stärken zu können.
Die neuen Ansiedler von Westphalia waren sehr tüchtige und fleißige Leute, die keine Arbeit und Anstrengung scheuten. Ihre entbehrlichen Farmerzeugnisse fuhren sie zuerst mittels Boot auf dem Osage- und Missouristrom nach den meist weit entfernten größeren Städten. Jetzt allerdings erfolgt die Beförderung schon längst durch Lastautos nach Jefferson-City, der Hauptstadt des Staates Missouri.
Auch das Aussehen des Ortes hat sich wesentlich geändert. Statt der Blockhütten sind zeitgemäße Wohngebäude errichtet. Die Kirche und Schule sind mit einer großen Steinmauer umgeben. Der Pfarrer der Gemeinde heißt J. C. Melies; er ist schon in dem Ort geboren. Der Schulunterricht wird von katholischen Schwestern erteilt. [2]
Westphalia hat gegenwärtig, da sich dort im Laufe der Zeit auch noch weitere westfälische Familien niedergelassen haben, etwa 500 Einwohner, die alle recht friedliche Menschen sind. Der Ort liegt in stiller Weltabgeschiedenheit. Es gibt in Westphalia keine Schlägereien oder ähnliche Ausschreitungen, ja nicht einmal ruhestörenden Lärm. Und doch hat das kleine Nest in den letzten Jahren im ganzen Staate Missouri und noch weit darüber hinaus eine gewisse Berühmtheit erlangt. Im Volksmunde nämlich führt Westphalia den Beinamen „Missouris Moonshine Center“ oder auf deutsch: ,,Missouris Mondschein Mittelpunkt“. Gewiss eine recht sonderbar und rätselhaft anmutende Bezeichnung, die aber schon etwas verständlicher werden dürfte, sobald man erfährt, dass das Wort Mondschein in der dortigen Gegend auch noch eine andere Bedeutung hat, wie ich gleich erklären werde. In früheren Jahren, als der Alkoholgenuss in U.S.A. noch nicht verboten war, wurde trotzdem viel Whisky (also Schnaps) heimlich gemacht, einfach deshalb, damit man keine Steuern dafür an die Regierung zu zahlen brauchte. Und diesen Whisky bezeichnete man eben, weil er meistens in der Nacht hergestellt wurde, als – Mondschein.
In Westphalia werden alle staatlichen Anordnungen und Vorschriften getreulich befolgt. Nur ein Gesetz wird von sämtlichen erwachsenen Einwohnern nicht nur andauernd übertreten, sondern sogar öffentlich verlacht und verspottet. Und das ist das Prohibitionsgesetz. Jeder Bürger des Ortes trinkt Alkohol, allerdings nicht im Übermaß, sondern nur hin und wieder ein Gläschen. Und bei besonderen Gelegenheiten auch wohl einige mehr. In Westphalia ist stets genügend Bier, Wein und Whisky vorhanden und auch käuflich zu haben. Daher hat man dem Ort die vorher angeführte Bezeichnung beigelegt.
Der reichste Mann und angesehenste Bürger von Westphalia ist der frühere Bürgermeister und jetzige Bankpräsident Ben Schauwecker. Er wurde Anfang 1930 zu einem Jahr und einem Tage Zuchthaus verurteilt, weil er Bier, Wein und Whisky verkauft hatte. Um seine Strafe anzutreten, musste er zunächst 27 Kilometer mit einem Auto zur Bahnstation Jefferson-City fahren. Als er diese Reise antrat, begleiteten ihn 300 seiner Mitbürger, alle auf Kraftwagen, die reich mit Fahnen, Flaggen und Wimpeln geschmückt waren. Der Zug war fast 500 Meter lang. Das war der öffentliche Protest der Einwohner gegen das Prohibitionsgesetz und gegen die Verurteilung des Bürgermeisters.
Nach seiner Rückkehr aus der Strafanstalt wurde er kurze Zeit später von einem Zeitungsreporter aufgesucht, der über seine Unterredung mit Schauwecker und die Eindrücke, die er in Westphalia empfing, einen ausführlichen Bericht in der Zeitung „Kansas City Star“ veröffentlichte. Mit Genehmigung dieses Blattes gebe ich aus seiner Schilderung die nachstehenden Einzelheiten in deutscher Übersetzung wieder. Der Zeitungsberichterstatter schreibt:
Schauwecker war erst einige Wochen vom Zuchthause zurück, als ich ihn am letzten Sonntage besuchte. Er machte sich gerade fertig, um in die Kirche zu gehen. Seine Wohnung ist das größte Haus in Westphalia. Schauwecker erzählte mir, dass er gleich nach Abbüßung der Strafe seinen ganzen Besitz, wie Haus, Bretterzäune usw in Weiß, dem Sinnbild der Unschuld, gestrichen habe. Das sollte dartun, dass er sich trotz seiner Verurteilung vollständig unschuldig fühle. Neben dem Wohngebäude befindet sich eine große Windmühle, die das Haus noch überragt. Sie ist über und über mit Wein berankt, daher im Sommer ganz grün und später dicht mit Trauben behangen. Schauwecker erklärte mit: “Jeden Herbst erhalte ich eine schöne Ernte von dieser Mühle.” Und dann fügte er, indem er mit den Augen zwinkerte und mit der Zunge schnalzte, noch hinzu: “Davon habe ich schon manchen köstlichen Wein gemacht.”
Auf meine Frage, wie es ihm im Zuchthaus gefallen habe, entgegnete er: “Schön; die beste Verpflegung wurde mir zuteil. Ich habe dort nicht nur an Gewicht zugenommen, sondern meine Gesundheit war auch besser, wie ich herauskam, als wie ich hineinging.” ”Ja”, meinte ich, “hatten Sie denn keine Sorgen wegen Ihrer Einsperrung?” “Sorgen?”, erwiderte er, “warum denn Sorgen? Ich habe das Zuchthaus mit reinem Gewissen betreten, weil ich mir keines Unrechts bewusst war. Nur Bier, Wein und Whisky habe ich verkauft, und da wir in Westphalia das Prohibitionsgesetz nicht anerkennen, so war dies doch kein Verbrechen. Unsere Vorfahren in Westfalen in Preußen haben seit tausend und mehr Jahren Alkohol getrunken und die jetzigen Einwohner tun es noch. Es ist nunmehr 96 Jahre her, dass unsere Leute sich hier ansiedelten. Zuerst bauten sie Häuser aus Baumstämmen, dann eine Kirche und Schule und schließlich eine Brauerei. Diese besteht allerdings nicht mehr, sie ist durch die Prohibitionsbehörde zerstört worden. Aber wir alle haben trotz des Gesetzes reichlich Bier, Wein und Whisky.”
Dann lud Schauwecker mich ein, ihm in seine Wohnstube zu folgen. Voll Stolz zeigte er dort auf einen Spruch, der in verschiedenen Farben gestickt war und unter Glas und Rahmen an der Wand hing. Er lautete:
“God Bless Our Home.
Gott Segne Unser Heim.”
Schauwecker behauptete: “Es gibt in Westphalia kein einziges Haus, das nicht einen gleichen Spruch aufzuweisen hätte. Aber es ist auch keine Wohnung vorhanden, in der nicht Bier, Wein und Whisky vorrätig wäre. Wir sind nämlich fromme Katholiken, und alle 500 Einwohner, Männer, Frauen und Kinder, besuchen regelmäßig die große Kirche, die sich meinem Hause gegenüber befindet. Allerdings wohnen hier jetzt auch zwei protestantische Familien, aber diese sind gute, feine Leute und werden geradeso geachtet, als wenn sie katholisch wären. Denn hier herrscht kein religiöses Vorurteil. Auch findet man anderswo keine besseren Bürger, als wie wir es sind; hier gibt es keine Arme, die von Verwandten oder vom Staat unterstützt werden brauchen, auch keine Bummelanten, keine Saufbrüder und keine Verbrecher. Freilich kommt es mitunter vor, dass jemand bei besonderer Veranlassung einmal einen Tropfen zuviel trinkt, aber dann fängt er nicht an zu streiten oder zu balgen, sondern er beginnt stets zu singen.” In ernstem Tone fuhr Schauwecker fort: “Wir sind gottesfürchtige Leute und befolgen Gottes Gebote und Gesetze. Zwar steht auch in der Heiligen Schrift: ,Seid untertan der Obrigkeit.’ Dieses Gebot befolgen wir gleichfalls, aber keine Gesetze der Obrigkeit, die offenbar mit der göttlichen Lehre nicht in Einklang zu bringen sind. Unser Herr und Heiland Jesus Christus verwandelte auf der Hochzeit zu Kana Wasser in Wein und ließ die Gäste von demselben trinken, ja ich möchte wetten, dass er auch selbst davon genossen hat. Und der Apostel Paulus empfiehlt einem Freunde etwas Wein für sein Magenleiden zu nehmen. Alles das steht in der Bibel, und wir glauben sämtlich fest an das Wort der Heiligen Schrift. Wenn daher gottlose Leute kommen und uns Bier und Wein verbieten wollen, so weigern wir uns einfach, ein solches Gesetz anzuerkennen. Wir ziehen es vor, dem Beispiel des Sohnes Gottes zu folgen.”
Allmählich wurde es Zeit zum Kirchgang, obgleich es erst 8 Uhr war. Der Zufall wollte es, dass gerade an diesem schönen Sonntagmorgen 68 Kinder zur ersten Kommunion gingen. Beide Seiten der Hauptstraße waren mit Autos besetzt und die Bürgersteige voller Menschen, alten und jungen. Aus den Häusern und auch aus vielen Kraftfahrzeugen, die von den umliegenden Farmen eingetroffen waren, kamen kleine Mädchen mit weißen Kleidern und Strümpfen, sowie Knaben in ihren besten Anzügen und einer Blume im Knopfloch. Alle strömten nach der Kirche.
Zwei Tage weilte ich in Westphalia, besuchte über 20 Wohnungen und unterhielt mich mit großen und kleinen Einwohnern. Aber noch niemals vorher habe ich so viele Häuser an einem Platze getroffen, in denen eine so außerordentliche Sauberkeit herrschte, als in Westphalia. Ein Bekannter, der mich auf dem Wege nach und durch Westphalia begleitete, bemerkte flüsternd, nachdem wir eine Reihe Familien besucht hatten: “Es ist hier überall so rein, dass man fast auf dem Fußboden essen könnte.”
Die Frauen in Westphalia sind durchweg außerordentlich feine Hausmütter und gute Köchinnen. Sie backen gewöhnlich ihr Brot selbst, und zwar an jedem Sonnabend für den Bedarf der nächsten Woche. Auch reinigen sie die Straßen und Bürgersteige regelmäßig. Daher ist es kein Wunder, dass der ganze Ort stets wie geleckt aussieht.
Eine Eigentümlichkeit von Westphalia ist es ferner, dass die Häuser sämtlich mit Blech gedeckt sind, angeblich zum Schutz gegen Feuersgefahr.
Die Einwohner von Westphalia erreichen durchweg ein hohes Alter. James H. Wiegers ist 90 Jahre alt. Er behauptet, wenn alle Menschen, ebenso wie die Bürger von Westphalia, gottesfürchtig und vernünftig lebten und mäßig Bier, Wein und Whisky tränken, um vergnügt und fröhlich zu sein oder auch nur ihrer Gesundheit wegen, dabei aber alle Ausschweifungen und sonstige Unregelmäßigkeiten vermeiden würden, so wäre es keine Kunst, 100 Jahre alt zu werden.
Andere betagte Personen in Westphalia sind Frau Elisabeth Redel, 81 Jahre, Hermann Hoer, 79 Jahre, sowie Henry Hildebrandt und seine Frau, beide 71 Jahre.
Als wir den Ort verließen, meinte mein Begleiter: “Ich bin überzeugt, dass alle Einwohner von Westphalia fromme und rechtschaffene Leute sind, obgleich sie, entgegen dem Gesetz, Alkohol herstellen und auch trinken.”
Soweit die Ausführungen des Berichterstatters. Man ersieht aus ihnen, dass die Einwohner von Westphalia gar nichts dagegen einzuwenden haben, wenn ihre Ansichten über die Prohibition und den Alkoholgenuss in den Tageszeitungen veröffentlicht werden.
Am 30. Juli 1831 entsandte nun die Regierungsbehörde des Staates – vielleicht infolge des angeführten Zeitungsartikels – acht große Autos nach Westphalia, besetzt mit bewaffneten Prohibitionsagenten, die den Befehl hatten, den Ort von Bier, Wein und Whisky zu reinigen. Alle Häuser wurden von oben bis unten durchsucht und tausende Flaschen mit Alkohol gefunden und vernichtet. Aufregende Vorgänge spielten sich dabei im Hotel Rehagen ab. [3] Um dieses sofort genügend zu besetzen und den Besitzer Frank Rehagen daran zu hindern, den vorhandenen Alkohol noch im letzten Augenblick zu vernichten, stürmten 4 Bundesagenten, die sich natürlich in Zivilkleidung befanden, sofort im Laufschritt und mit Revolvern in der rechten Faust auf das Gebäude los. Rehagen sah sie ankommen, griff ebenfalls zu seinem schweren Revolver und flüchtete in ein hinter dem Schankraum liegendes Zimmer, dessen Tür er von innen verriegelte. Der Aufforderung der Beamten, die Türe zu öffnen, leistete er nicht Folge, drohte vielmehr, jeden niederzuschießen, der es wagen würde, das Zimmer zu betreten. Gleich darauf hörten die Agenten, wie eine zweite Tür zugeschlagen und abgeschlossen wurde; sie befürchteten daher, dass Rehagen sich durch einen anderen Ausgang entfernt haben könnte. Man ging deshalb sofort daran, die erste Tür aufzubrechen. Nachdem dieses mit einiger Mühe gelungen war, stürmte man in den Raum und fand Rehagen richtig nicht mehr darin vor. Dagegen vernahm man hinter einer anderen Tür das Klirren zerbrechender Flaschen und die Stimme Rehagens, der drohte, durch die Tür zu schießen, sobald jemand ihr zu nahe käme. Schleunigst wurde auch dieser Eingang freigemacht und die Beamten stürzten sich auf Rehagen, dessen Schießeisen in der Ecke lag. Rehagen wehrte sich mit Händen und Füßen gegen seine Angreifer, schließlich wurde er aber doch überwältigt und in Ketten gelegt. Als man sich dann in dem Raume, einem Badezimmer, näher umsah, entdeckte man, dass der Boden der Badewanne dicht mit Scherben bedeckt war, die von Flaschen herrührten. Die vorhandenen Flüssigkeiten aber waren durch den offen stehenden Abfluss abgelaufen.
Als die Agenten mit ihrem Gefangenen das Hotel verließen, befanden sich die meisten Einwohner des friedlichen Ortes auf der Straße; die Ortspolizei ersuchte sie aber alsbald in höflichem Tone, nur rasch in die Häuser zu “flüchten”, bis der “Krieg” beendet sei.
Inzwischen hatten die zahlreichen übrigen Agenten bereits die Durchsuchung des ganzen Ortes zum größten Teil beendet. In der Wohnung einer Frau Elisabeth Billets fanden sie mehrere hundert Flaschen eines im eigenen Haushalt hergestellten leichten Bieres, das man durch Zertrümmern der Flaschen auf dem Steinpflaster der Straße unschädlich machte. Frau Billets wurde jedoch nicht festgenommen. Man verhaftete außer Rehagen noch sechs weitere Bürger. Unter diesen befand sich abermals Ben Schauwecker sowie sein 23-jähriger Neffe Zeno Schauwecker. Alle Verhafteten wurde nach Jefferson-City abgeführt, aber schon in den nächsten Tagen nach Stellung einer Kaution oder Bürgschaft wieder auf freien Fuß gesetzt.
Die Prohibitionsagenten erklärten bei ihrer Abreise von Westphalia übereinstimmend, der in dem Ort hergestellte und vorgefundene “Mondschein” wäre eine vorzügliche Sorte Whisky und kein solcher Schund, wie der gewöhnliche Schnaps, der meist schädliche und vielfach sogar giftige Zusätze enthalte.
Vor einigen Wochen fand nun in Jefferson-City zunächst der Prozess gegen Frank Rehagen statt. Es lagen drei Anklagen vor. Erstens: Verstoß gegen das Prohibitionsgesetz; zweitens: Widerstand gegen die Staatsgewalt und drittens Bedrohung von Beamten mit Erschießen.
Der Gerichtssaal war bis auf den letzten Platz besetzt. Auch Einwohner von Westphalia waren zahlreich vorhanden.
Es würde zu weit führen, die ganze Verhandlung ausführlich wiederzugeben. Deshalb will ich mich darauf beschränken, hier nur die Hauptsachen anzuführen, die zugleich eines gewissen lustigen Beigeschmacks nicht entbehren.
Die vier Prohibitionsagenten schilderten wahrheitsgemäß die Ereignisse, wie sie sich in Rehagens Hotel abgespielt hatten, insbesondere, wie der Besitzer sie mehrmals mit Erschießen bedroht und sich zum Schluss auch noch mit aller Gewalt gewehrt habe, nachdem er zuvor seine Vorräte an Alkohol in der Badewanne vernichtet hätte usw.
Dagegen erklärte Rehagen, dass er völlig unschuldig und daher zu Unrecht festgenommen worden sei. Als er an dem fraglichen Tage zufällig aus dem Fenster geblickt, habe er plötzlich vier Personen gesehen, die mit Schießprügeln in der Faust im Sturmschritt auf sein Hotel zugerannt wären. Er hätte nicht die geringste Ahnung gehabt, dass diese Menschen Regierungsbeamte sein konnten, sondern geglaubt, es handele sich um Banditen und Spitzbuben, die ihn überfallen und berauben wollten. Aus diesem Grunde sei er auch bestrebt gewesen, sich schleunigst in Sicherheit zu bringen; dabei habe er unwillkürlich gleichfalls zum Revolver gegriffen und dann später mit dieser Waffe die ihm nachfolgenden Eindringlinge bedroht. Er hätte aber doch unzweifelhaft das gesetzliche Recht, sein Eigentum gegen Räuber zu verteidigen. Und die Flaschen mit dem angeblichen Alkohol hätten ihm eigentlich gar nicht gehört, sondern sie seien ihm vor 2 Monaten von einem bei ihm als Gast einkehrenden, durchreisenden Farmer für ein bis zwei Tage zur Aufbewahrung übergeben worden. Der Mann habe sie jedoch bis jetzt nicht wieder abverlangt. Seinen Namen wisse er nicht; ebensowenig sei ihm gesagt worden, was die Pullen enthielten. Er habe sie gleich in das Badezimmer gestellt und nicht weiter daran herumgeschnüffelt. Als er dann neulich in aller Eile in den betreffenden Raum geflüchtet wäre, sei er über die Buddel gestolpert und hätte sich beim Fallen stark gestoßen, so dass ihm der Revolver aus der Hand gefallen sei. Im ersten Ärger und voller Wut hätte er dann die Flaschen, die ihm schon früher immer im Wege gestanden, nacheinander in die Badewanne geknallt und erst hierbei sei ihm aufgefallen, dass die ausströmende Flüssigkeit wie Whisky röche.
Die hierauf vernommenen Zeugen bekundeten übereinstimmend, dass Rehagen ein ehrlicher, braver und rechtschaffener Mann wäre usw.
Anschließend hieran versuchte der Anwalt der Regierung in einer längeren Rede klar zu machen, dass die Ausführungen des Angeklagten nichts als Schwindel und Unsinn seien. Er beantragte zum Schluss gegen Rehagen wegen jeder der drei Vergehen die höchst zulässige Strafe.
Dann zogen sich die zwölf Geschworenen zur Beschlussfassung zurück, die zwei ganze Tage dauerte. Das ist in U.S.A. durchaus keine Seltenheit und auf das eigenartige Gerichtsverfahren zurückzuführen.
Der Obmann der Geschworenen verkündete endlich das Urteil, wonach der Angeklagte Frank Rehagen wegen Verstoßes gegen das Prohibitionsgesetz zu 500 Dollar Geldstrafe verurteilt, von der Anklage des Widerstandes und der Bedrohung dagegen freigesprochen würde.
Nach der Verkündigung des Geschworenenspruches sprang gleich der Gerichtsvorsitzende auf und rief entrüstet, der Angeklagte hätte schuldig befunden werden müssen, sich in allen drei zur Verhandlung stehenden Fällen strafbar gemacht zu haben, dafür wären genügend Beweise vorgebracht worden. Die von Rehagen vorgetragene Räubergeschichte sei doch der reinste Bluff, und er verstände nicht, wie vernünftig denkende amerikanische Bürger sie für wahr halten könnten. Durch ihren Spruch hätten die Geschworenen das Gericht zum Narren gehalten und lächerlich gemacht usw.
Doch alles Reden half nichts mehr. Das Urteil war einmal gefällt. Rehagen nahm es an und verließ erhobenen Hauptes ihm Kreise seiner Getreuen aus Westphalia das Gerichtsgebäude. Er hatte einen vollen Sieg über die Regierung errungen. Allerdings wurde auf deren Anordnung kurz hinterher das Hotel Rehagen für die Dauer eines Jahres geschlossen.
Aber in Westphalia ist trotzdem noch genügend Bier, Wein und Whisky zu haben!
Aus Vorstehendem ist zur Genüge ersichtlich, dass die Enkel und Urenkel unserer vor sechsundneunzig Jahren nach Westphalia in U.S.A. ausgewanderten Landsleute noch jetzt getreulich an ihrem Glauben und den damit verbundenen kirchlichen Gebräuchen festhalten. Andererseits sich aber auch die alte Stammeseigenart der Westfalen bewahrt haben, ihre vermeintlichen und mehr oder minder verbrieften Rechte mit zäher Ausdauer und Entschlossenheit zu wahren und zu verteidigen.
Anmerkungen
1. Zu den ersten der aus Westfalen stammenden Siedlern von Westphalia, Missouri, oder Neu-Westfalen, wie sie ihr Settlement am Maries River zunächst nannten, zählen diese Auswanderer:  | Der in Lichtenau (Kreis Paderborn) geborene Nicolaus Hesse (1794-1868), der als Kantonsbeamter in Rösebeck im damaligen Kreis Warburg lebte und arbeitete, seine Frau, sechs Kinder sowie Hesses älterer Bruder. Die Familie Hesse kehrt 1837 nach Deutschland zurück. Hesse wird 1841 Bürgermeister von Brilon.
|  | Der noch unverheiratete Karl Huber (Herkunftsort nicht bekannt).
|  | Die Witwe Anna Maria Grammatica aus Paderborn mit ihren Söhnen Franz und Ludwig.
|  | Die Witwe Margaretha Schroeder mit ihrem Sohn Hermann (Herkunftsort nicht bekannt).
|  | Joseph und Maria Anna Nacke aus Büren-Wewelsburg im heutigen Kreis Paderborn mit drei Kindern.
|  | Eine Familie Höcker (Zahl der Familienmitglieder und Herkunftsort nicht bekannt).
|  | Der Arzt Dr. Bernhard Bruns (1798-1864) aus Oelde sowie dessen Bruder Gerhard Hermann Bruns (1811-1876). |
Dass diese Auswanderer bereits in Westfalen zusammen fanden und beschlossen, gemeinsam auszuwandern, ist unwahrscheinlich. Sie dürften in St. Louis zusammen getroffen sein. Von dort aus erkunden sie den Platz zur Ansiedlung. Belegt ist, das Hesse und die Brüder Bruns Amerika mit unterschiedlichen Auswandererschiffen erreichen. Bernhard Bruns und Nicolaus Hesse begegnen sich erstmals in St. Louis, wobei Hesse zu diesem Zeitpunkt bereits eine Farm am Maries River erworben hat. Bruns wohnt dort zunächst bei Hesse, erwirbt eigenes Farmland, errichtet ein Blockhaus und kehrt nach Deutschland zurück, um 1836 seine aus Stromberg stammende Ehefrau Henriette (genannt Jette, 1813-1899), den Sohn Hermann, Franz Geisberg (Bruder Jettes, 1816-1858) und Bernhard Geisberg (weiterer Bruder Jettes, 1819-1880) nachzuholen. Dieser Gruppe schließen sich weitere Auswanderer aus dem Raum Beckum/Oelde an. Mit dem Schiff „Ulysses“ geht es im Juli 1836 von Bremen nach Baltimore. Auf diese Gruppe scheint sich Wilhelm Loof im ersten Absatz seines ,,Westphalia”-Artikels im ,,Leo” zu beziehen. Während Loof von „35 Familien“ schreibt, berichtet Jette Bruns in ihren Lebenserinnerungen von einer Gesellschaft von „30 Personen“ an Bord der „Ulysses“, für die Bernhard Bruns die Schiffspassage ausgehandelt hatte. (Ein Auswanderinnenschicksal in Briefen und Dokumenten. Unter Mitarbeit von Carl Schulz-Geisberg herausgegeben von Silke Schütter. Warendorf 1989, Seite 373).
2. Die katholische Pfarrei St. Joseph Westphalia, Missouri bezeichnet sich selbst als älteste Pfarrei des Osage-Kreises und als drittälteste der heutigen Pfarreien der gesamten Diözese Jefferson City (www.stjo1835.org). Sie bezieht ihr Gründungsdatum auf einen Gottesdienst, den ein Jesuiten-Missionar 1835 am Maries River feierte. Zwei Jahre später wurde eine kleine Kapelle in Blockhaus-Bauweise errichtet. Die Grundsteinlegung der heutigen Pfarrkirche erfolgte 1848.
3. Nach Angaben der Historischen Gesellschaft von Westphalia (Westphalia Historical Society) wurde das „Westphalia Hotel“an der East Main Street Anfang der 1930er Jahre von Frank Rehagen errichtet, nachdem das zuvor von ihm betriebene Hotel Borgmeyer durch ein Feuer zerstört worden war.
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