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 Netzwerk westfälische Amerika-Auswanderung seit dem 19. Jahrhundert

Friedrich Schütte über Markus Günther, Bochum/Washington D.C. (Diss.): "Auf dem Weg in die Neue Welt"

Die Atlantiküberquerung im Zeitalter der Massenauswanderung 1818–1914.

Warum und wieso im 19. Jahrhundert so viele Millionen Deutsche nach Amerika gezogen sind, wie sie es drüben antrafen, wo sie sich ansiedelten, wie sie Amerikaner wurden, es zu etwas brachten oder auch zu Grunde gingen: Darüber liegen dies- und jenseits des Atlantiks hinreichend viele (wissenschaftliche) Veröffentlichungen vor. Doch: Wie es während der oft viele Wochen dauernden Schiffsreise in die Neue Welt im einzelnen und generell zuging, wie die Menschen die Zeit unterwegs mit all ihren oft unmenschlichen Strapazen und Nöten in fremder Umgebung und unter völlig fremden Mitpassagieren erlebten und überlebten, darüber haben Wissenschaftler bislang anscheinend wohl eher nur am Rande geforscht.

Jedenfalls hat Markus Günther, heute Auslandskorrespondent deutscher Tageszeitungen wie etwa der HAZ / Hessischen Allgemeinen Zeitung Kassel in Washington D.C., aus diesem Stoff ein Forschungsthema gemacht und letztlich eine äußerst inhaltsreiche,  von vorn bis zum Ende spannend zu lesende Dissertation unter dem oben aufgeführten Titel vorgelegt. Eine Arbeit, aus der jeder, der sich eingehend mit der deutschen Amerikaauswanderung und ihren einzelnen Aspekten befassen will, eine Unmenge lernt und bleibenden Nutzen zieht.

Günthers wohl wichtigster akademischer Lehrer und "väterlicher Berater" ist bei der äußerst schwierigen wie umfangreichen Materialsammlung Professor Dr. Wolfgang Helbich, früher Ruhr-Universität Bochum, gewesen. Dieser Name weckt Assoziationen: Wolfgang Helbich und sein Team (zu dem auch Prof. Dr. Walter Kamphoefner von der Texas A&M-University gehörte) haben in den 80er Jahren von der Ruhr-Universität aus deutschlandweit viele Tausende Auswandererbriefe gesammelt und sorgsam ausgewertet. Helbich und Kamphoefner schmiedeten daraus ihr inzwischen zur wissenschaftlichen Standardliteratur zählendes, umfangreiches deutsch-amerikanisches Gemeinschaftswerk: "Briefe aus Amerika".

In jener universitären Schatztruhe von mehr als 8.000 gesammelten Briefen, die deutsche Amerika-Auswanderer über Jahrzehnte nach Haus zu ihren Eltern, Geschwistern, Freunden, Pfarrern oder Bräuten schrieben, waren manche Hundert Situationsberichte mit sehr exakten, immer verschiedenen und einander oft gegenseitig "kontrollierenden" Reisebeschreibungen. Dabei stehen die Auswanderungshäfen Bremen/Bremerhaven und Hamburg, aber auch Le Havre als wirtschaftliche Kontrahenten mit ihren Behörden, Unterkünften, Gesetzen und vor allem Schiffen und Passagieren unterschiedlicher Klassen im Brennpunkt,- die zahlreichen Katastrophen auf und mit Auswandererbooten nicht zu vergessen.

Ebenso aufmerksam und quellenreich hat Markus Günther die Entwicklung der Auswanderer-Schiffahrt vom frühen Auswanderersegler zum Ozeanriesen des späten 19. Jahrhunderts bzw. frühen 20. Jahrhunderts herausgearbeitet – wobei er nachweist, wie amerikanische und englische Reeder ihren deutschen Wettbewerbern technisch und kaufmännisch meist weit voraus waren – und dass es beiderseits des Ozeans nur verhältnismäßig kurze Zeiten europäischen Massen-Emigration nach Übersee gab, in denen das Millionengeschäft mit den von Europa absegelnden Amerika-Auswanderern überhaupt rentierte. Warum das so war und nicht besser: Man lese "Auf dem Weg in die Neue Welt"!

Markus Günther: “Auf dem Weg in die Neue Welt“, Wißner Verlag [ www.wissner.com ], 241 S., ISBN 3-89639-503-3, € 19.80