Neues Standardwerk zur deutschen US-Präsenz hat seine Wurzeln im ZiF der Universität Bielefeld (Eine Buchbesprechung von Friedrich Schütte)
Ausgangspunkt: Internationales Kolloquium vom Herbst 2004 zum Thema deutsch-amerikanischer Migration und deren Folgen – 37 Wissenschaftler aus Europa und den USA legen gemeinsam ihre neuesten Forschungsergebnisse vor
Bielefeld. In Redaktion von Josef Raab und Jan Wirrer (Herausgeber) haben 37 Hochschullehrer und Forscher aus Europa und Nordamerika soeben ein neues, 11 Themenbereiche und 848 Seiten umfassendes Standardwerk zur deutschen Präsenz in den USA herausgebracht. Die in Bielefeld entstandene Forschungsgruppe gibt mit diesem Buch aus den verschiedensten Disziplinen und in sehr unterschiedlicher transatlantischer Sicht Antwort auf Woher, Wohin, Verbleib und Auswirkung deutscher Sprache und Kultur auf die Entwicklung der Vereinigten Staaten während der Vergangenheit und bis zur Gegenwart.
Man weiß: Das deutsch-amerikanische Verhältnis ist ambivalent und war das bereits von Anbeginn europäischer Auswanderung in die Neue Welt. Stellten doch über 6 Millionen deutsche Amerika-Migranten allein im 19. Jahrhundert unter allen ethnischen Gruppen der USA rechnerisch zeitweilig die stärkste Gruppe, noch vor den Iren. Ob, wie und warum deutsche Immigranten Leben, Kultur und Politik der Vereinigten Staaten mitgeprägt haben oder im amerikanischen „melting pot“ aufgegangen sind, ist in früherer Zeit wissenschaftlich zwar bereits vielfältig erörtert worden. Vergleichende Studien jedoch, insbesondere nach den Umwälzungen und der Entfremdung beider Länder während der Kriege im 20. Jahrhundert, sind eher rar und wenn vorhanden, meist streng themen- und zeitspezifisch angelegt worden.
Was Josef Raab und Jan Wirrer jetzt mit Hilfe in- und ausländischer Kollegen als eindrucksvolles Gemeinschaftswerk englisch- und deutschsprachig gedruckt vorlegen, ist z. T. bereits auf einem internationalen Kolloquium vom 20. – 23. Oktober 2004 im Zentrum für Interdisziplinäre Forschung (ZiF) der Universität Bielefeld vorgestellt worden. Dabei ging es vor allem um fächerübergreifenden Austausch neuer, vergleichender Forschung sowie notwendige Korrekturen im Lichte gegenwärtiger historischer, sozialer und politischer Disziplinen nebst Kunst, Wissenschaft, Recht und Medien.
Mark Twain schätzte Deutschland als Kultur- und Reiseland sehr
Dabei kamen die unterschiedlichsten Forschungsgebiete zur Sprache, wie in dem soeben vorgelegten Band nachzulesen ist: Mitherausgeber Josef Raab (Universität Duisburg-Essen) befasst sich mit dem Niederschlag deutscher Immigrantenkultur in der amerikanischen Literatur, von Benjamin Franklin bis zu Mark Twain, der, wer weiß das schon!, perfekt deutsch sprach, schrieb und das von ihm sehr geschätzte „Land der Dichter & Denker“ sowie Österreich nachhaltig bereist hat. Zitat aus Twains Rede vor dem Wiener Presse-Club 1897: „Ich bin ein Fremder – aber hier, unter Ihnen, habe ich es ganz vergessen!“
Jan Wirrer, Professor für Germanistische Linguistik an der Universität Bielefeld, und seine Schülerin Alexandra Jacob haben bis in die jüngste Vergangenheit hinein in den USA „Plattdeutsche Sprachinseln“ erforscht und sind von daher der Frage nachgegangen, wie und von woher deutsche Amerikaeinwanderer ihr heimatliches Platt in die neue Welt verpflanzen konnten und wie dieses im Laufe folgender Generationen zu einem Sprachenmix verkam – wenn es inzwischen nicht - bis auf letzte Enklaven der plattdeutschen Pommern in Wisconsin - ganz verschwunden ist.
1918 in Iowa: „Gott selbst spricht nur Englisch!“
Hochdeutsch zu sprechen war ab und nach dem Ersten Weltkrieg in weiten Teilen der USA verboten und in Iowa z.B. per “Babel Proclamation“ sogar unter Strafe verboten, wie James R. Dow (Iowa State University) festgestellt hat. Allerdings handelte es sich laut geheimem Behördenprotokoll um ein ungeschriebenes Gesetz (unwritten law), das laut Governor William L. Harding gleichwohl zu befolgen und zu verfolgen sei, und zwar „strongly by communities and individuals“.
In der Alltagspraxis wurde daraus ein nicht nur in Iowa weitverbreitetes, allgegenwärtiges Spitzelsystem. Selbst deutschsprachige Gottesdienste und Beerdigungen waren verpönt. Dow zitiert Governor Harding: „Gott selbst spricht nur Englisch. Deutsche Gebete hört er nicht!“ Massenweise wurden deutsche (Schul-)Bücher eingezogen oder gar öffentlich verbrannt.
Um zu beweisen, von wo und wie deutsche Amerikaauswanderer vor allem während der zurückliegenden 180 Jahre per Kettenwanderung massenweise in die Neue Welt abgesegelt sind, anfangs meist ab Bremen, das haben Walter Kamphoefner (Texas A&M-University) und sein Schüler Timothy Anderson (Ohio State University), beide in den 1980er bzw. 1995er Jahren Absolventen der Universität Münster, am Beispiel Westfalens und seiner schätzungsweise 300 000 Amerikaauswanderer anhand breit angelegte Forschungen dargelegt und damit in Tagung und Buch nebenbei so etwas wie „internationale Regionalität“ auf hohem wissenschaftlichen Niveau hineingebracht.
Emigration nach USA im Kontext früher Südamerika-Auswanderung
Stefan Rinke (Freie Universität Berlin) stellt in seiner Arbeit fest, in der umfangreichen Forschungsliteratur zur deutschen Amerika-Auswanderung sei früher nur wenig vergleichend diskutiert worden. Dabei sei häufig total übersehen worden, wie im 19. Jahrhundert ein beträchtlicher Teil der auswandernden deutschen Bevölkerung sein Glück in Südamerika gesucht habe. Zwar hätten im 19. Jahrhundert 90 v. H. aller deutschen Auswanderer den vergleichsweise einfacheren Weg nach Nordamerika gewählt. Doch habe es kurzfristig auch einen Auswanderungsboom nach Südamerika (Brasilien/Chile) gegeben, der sich etwa 1820 durchaus mit der Migration nach USA habe messen können.
Für speziell Bielefelder Lokalkolorit sorgt Chris Lippard (University of Utah), der an die Spitze seiner Arbeit über „Deutsche Präsenz in Film und Medien der USA“ den hier geborenen Friedrich Wilhelm Murnau alias F. W. Plumpe stellt. Bejubelter UFA-Regisseur der 1920er Jahre, durch William Fox nach Hollywood geholt und dort wegen seines typisch deutschen, empfindsamen Gemütszustandes, nur teilweise erfolgreich geblieben. Für die Migrationsforschung in diesem Fall besonders interessant: Murnau verarbeitete in seinem letzten (Südsee-)Film „Nosferatu“ gewissermaßen aus seiner eigenen Biographie, das Thema Emigration.
Welchen Einfluss hatte die deutsche Bauhaus-Pädagogik auf die neuere amerikanische Architektur? Hierzu legt Madlen Simon (University of Maryland) eine umfassende Arbeit vor. Hartmut Keil (Universität Leipzig) hat das Schicksal und den sozialen Aufstieg ausgewanderter deutscher Arbeiter insbesondere rund um Chicago untersucht. Er führt den Beweis, dass deutschsprachige Einwanderer dort bis Mitte des 20. Jahrhunderts „die numerisch bedeutendste, in die USA immigrierte Gruppe sind“.
Westfälin in Wisconsin kämpft für Frauen-Wahlrecht
Anke Ortlepp (Deutsches Historisches Institut, Washington D.C.) ist der deutsch-amerikanischen Frauenbewegung im 19. und 20. Jahrhundert mit Akribie nachgegangen. Dabei hat eine1848er Revolutionärin aus Westfalen: Mathilde Anneke (Münster), von Milwaukee, Michigan aus eine entscheidende Rolle gespielt, bis hin zur endlichen Wahlzulassung US-amerikanischer Frauen im Jahre 1919. Ortlepp: „Sie (die. immigrierten deutschen Frauen) hatten den Wunsch nach einer revolutionären Umgestaltung der gesellschaftlichen Verhältnisse in ihrem kulturellen Gepäck … mitgebracht“.
Heike Bungert (Universität Köln) hat die Ethnizitätsbildung Deutscher in den USA, z.B. durch Vereine, Feste, Musikveranstaltungen usw. untersucht. Dabei gibt es viele bemerkenswerte Randnotizen: Wer weiß schon, dass 1848, im Goldrausch, von 100 000 Bewohnern Kaliforniens, immerhin 30 000 Deutsche waren! Diese bauten hier, wie auch vor allem im Mittleren Westen „durch ihre Schulen, Kirchen, Vereine und deutschsprachige Presse eine spezifisch deutschamerikanische Ethnizität auf“.
„Deutsche im Amerikanischen Bürgerkrieg“ (1861-65) ist das Thema von Emeritus Wolfgang Helbich (früher Ruhr-Universität, Bochum): 200 000 Soldaten der Unionsarmee waren damals deutsche Einwanderer, - vorher oft preußische Wehrdienstflüchtlinge. Und als Phänomen bezeichnet es Helbich, dass es damals allein 30 rein deutsche Regimenter gegeben habe. Der aus Herford stammende Illinois-Lt. Governor und Banker Franz Arnold Hoffmann (1822 -1903) beispielsweise finanzierte 1861 aus seiner Privatschatulle ein eigenes Regiment!
Unausrottbare Stereotypen „The Krauts“ und „Die Amis“
Was aus den bis 1914 in den USA gebildeten, zahllosen deutschen „Little Germanies“ (Ethnizitäten) geworden ist, als die USA in den 1.Weltkrieg eintraten, und erst recht mit dem 2. Weltkrieg und Holocaust, sind bis heute unzählige herabsetzende, anscheinend unausrottbare Stereotypen entstanden. Das haben Emeritus Peter Freese (Paderborn), wie auch Erhardt U. Heidt (Universität Bielefeld) unter der Überschrift „The Krauts“ und „die Amis“ bestätigt gefunden, während sich Gerd Hurm (Trier) mit der aktuellen politischen Rhetorik in den USA“ befasst.
Weitere Kapitel hier veröffentlichter Forschungsergebnisse gelten dem sehr eingeschränkten Focus amerikanischer Medien auf Deutschland (Anna Schwan), dem Einfluss deutschen Bildungswesens auf Nordamerikas Universitätslandschaft (Waldemar Zacharasiewicz, Universität Wien), „Germanistik in den USA und in Deutschland“ (Wolfgang Braungart, Universität Bielefeld) sowie „Deutsche Literatur in den USA“ (Michael Ossar, Kansas State University) und „The Culinary Heritage: German Ingredients in American Cooking“ (Melissa Knox-Raab, Universität Duisburg-Essen). Übrigens ein - neben einer Fülle wissenschaftlicher Fakten - auch sehr erheiternder Beitrag über buchstäblich vermischte Koch- und Essgewohnheiten hüben und drüben!
Die politischen Beziehungen zwischen den USA und Deutschland seit dem Zweiten Weltkrieg und bis in die Gegenwart leuchtet Hans-Jürgen Grabe (Luther-Universität Halle-Wittenberg) kritisch aus, während Oliver Lepsius (Universität Bayreuth) den Einfluss deutscher Rechtsideen in den USA, mit wechselseitigen Auswirkungen bis in die Gegenwart, untersucht.
Wie deutsche Namen amerikanisch wurden
Jürgen Macha (Universität Münster) hingegen zeigt auf, wie sich Namen ausgewanderter Deutscher in der Neuen Welt – oft durch phonetische Weitergabe wie bei der Landung von Emigrantenschiffen in New Orleans – grundlegend änderten: Unter dem Stichwort „Dealing with words“ entlarvt er (im simplen Verständnis des deutschen Einwanderers) „Schikajoh“ als Chicago, „Neu Ollinz“ als New Orleans und amerikanisch willkürlich oder gewollt umgeschriebene deutsche Namen: Aus dem 1841 von der Eifel eingewanderten Anton Fuchs wurde Anthony Fox, aus Johann Lehmann von Wiesenscheid John Leyman, aus Johann Schüller (Adenau) John Sheller.
Ein sehr trauriges, gleichwohl (leider) wahres Kapitel aktueller deutscher Medienpolitik ist der Beitrag von Hans K.Kleinsteuber (Universität Hamburg) über den medialen Kampf gegen unhaltbare Stereotypen in der Gegenwart und den Todesstoß gegenwärtiger Berliner Politik gegen „German TV in USA“ . Gerade über das Fernsehen hätte es, so Kleinsteuber, langfristig eine Chance gegeben , die USA und ihre per Printmedien leider nur wenig zugängliche Bevölkerung über unsere wirkliche politische, soziale und kulturelle Situation laufend zu informieren und den dort nach wie vor weithin verbreiteten, bösen Stereotypen wie „Nazideutschland“, „SS-Staat“, Militarismus, Biertrinker-Image und „German Krauts“ entgegenzuwirken.
Das Gegenteil sei eingetreten. Der deutsche Medienexperte schließt dazu im März 2006 „post scriptum“, tief enttäuscht: „Wie prognostiziert, ist German TV zum Ende des Jahres 2005 eingestellt worden!“
Die deutsche Präsenz in den USA/The German Presence in U.S.A. Herausgegeben von / edited by Josef Raab & Jan Wirrer Hardcover, 848 S., m. zahlr. Abb.u.Tab. ISBN 978-38258-0039-0 Preis: 69,90 Euro LIT Verlag Dr. W. Hopf, Berlin 2008, Verlagskontakt: Fresnostr.2, 48159 Münster
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