Kirchenbücher in Indiana als ergiebige Quellen zur Erforschung des Alltagslebens westfälischer und niedersächsischer Amerika-Fahrer
Eichhorn, Harro: Stellenwert und Funktion von Gemeinde, Pastor und Lehrer in Kirchengemeinden der Missouri-Synode des 19. und 20. Jahrhunderts. Auf den Alltagsspuren deutscher Auswanderer in Kirchenbüchern, Protokollbüchern und religiösen Periodika. III, 618 S. Oldenburg: Carl von Ossietzky Universität 2006 (Dissertation)
Die unter dem Link: docserver.bis.uni-oldenburg.de/publikationen/dissertation/2006/eicste06/eicste06.html vorliegende Arbeit, die z. B. mit dem kostenlosen, aus dem Internet zu beziehenden Viewer „Acrobat“ gelesen und in der problemlos mit Hilfe der „Lesezeichen“ navigiert werden kann, gibt einen Einblick in die Alltagsgeschichte deutscher Auswanderer in den USA. Hauptquelle für diese Arbeit waren Kirchenbücher von 14 und Protokollbücher von 12 Kirchengemeinden im Südosten des Bundesstaates Indiana, die sich im Laufe ihres Bestehens der Missouri-Synode angeschlossen hatten.
Die Kirchenbücher (ihr Berichtszeitraum erstreckte sich, von Gemeinde zu Gemeinde unterschiedlich, zwischen 1835 und 1982) wurden in ihrer Gesamtheit auf Namenseintragungen in den Rubriken Geburten, Taufen, Heiraten, Konfirmationen, Begräbnisse oder sonstige Bemerkungen hin ausgewertet, die einen eindeutigen Bezug zum deutschsprachigen Raum bzw. zu den einzelnen dort früher existierenden Territorien hatten.
Bei den in den 3 Tabellen (Auswanderer mit Bezug zu ihrem Herkunftsland; Auswanderer aus Ostercappeln, Melle, Bramsche, Gohfeld, Hilter, Essen und Speichersdorf; Auswanderer mit Vermerken über Konsens-, Passerteilungen, Abreise-, Einwanderungsdaten, Passagierlisten und Kirchenbucheintragungen) aufgelisteten Namen sind Mehrfachnennungen möglich. Diese wurden beibehalten, um so dem Leser einen möglichen Ortswechsel nachvollziehbar, verschiedene Schreibweisen erkennbar oder Änderungen in den einzelnen Spalten sichtbar zu machen.
Eine Sortierung u. a. nach Sigle (Kirchengemeinde), Name, Geburtsname, Vorname, Rufname, Beruf, Konfession, Geburtstag, Geburtsort, Tauftag, Taufort, Todes-/Begräbnistag, Kreis/Amt, Regierungsbezirk/Herrschaft, Land, Familienstand, Alter, Geschwister, Einwanderung, Sonstiges und Quelle wurde vorgenommen. Geburtsorte wurden, wenn möglich, verifiziert.
Passagierlisten wurden in der Mediathek der Universität Oldenburg, Auswanderungskonsense in den Staatsarchiven Hannover, Osnabrück, Oldenburg und Kirchennebenbücher der deutschen Herkunftsgemeinden auf Mikrofiches in den Staatsarchiven Osnabrück, Oldenburg, dem Kirchenbuchamt des evangelisch-lutherischen Stadtkirchenverbandes Hannover, dem Kirchenbuchamt der evangelisch-lutherischen Kirchen Osnabrücks und dem Landeskirchlichen Archiv der Evangelischen Kirche von Westfalen in Bielefeld durchgesehen. Die Masse der Auswanderer kam aus dem Westfälischen bzw. dem Osnabrücker Land, darum dürften die Tabellen für Forscher aus diesen Gegenden interessant sein.
In den Protokollbüchern wurde der Zeitraum von 1839 – 1932 (von Gemeinde zu Gemeinde unterschiedlich) ausgewertet. Die Eintragungen, zumeist in deutscher Schreibschrift, waren zum großen Teil ergebnisorientiert, wobei die zu Ergebnissen führenden Schritte mit festgehalten wurden. Deutlich ausgeprägt waren die oft nahezu minutiös festgehaltenen Eintragungen bei Problembehandlungen, vor allem in Angelegenheiten der Kirchenzucht.
Folgende Fragen werden gestellt und beantwortet: Wer waren die Akteure in den Kirchengemeinden? Welche Strukturen ermöglichten die Koordination des alltäglichen Miteinanders? Wie wurden anstehende Probleme abgearbeitet und wie konnten sie einer allgemeinverträglichen Lösung zugeführt werden? Hatten die agierenden Entscheidungsträger gleiche Voraussetzungen in ihren Handlungsspielräumen oder war eine mehr oder weniger bestimmte Kompetenzreihenfolge vorgegeben? Wurde diese eingehalten oder änderte sie sich im Laufe der Zeit?
Die Arbeit zeigt sehr konkret, vor allem auf der Grundlage der Protokollbücher, dass die Kirchengemeinden in Südost-Indiana, von Ausnahmen abgesehen, in der Lage waren, ihre Alltagsprobleme im Rahmen der ihnen eigenen Strukturen selbst zu lösen. Stets waren die stimmberechtigten Gemeindemitglieder die Hauptakteure. Die Pastoren hatten, je nach persönlicher Ausstrahlung, keinen geringen Einfluss, aber sie dominierten nicht die Gemeinden; noch weniger dominierten die Lehrer. Das änderte sich nicht grundsätzlich. Nur freiwillige Kompetenzabgaben durch die Gemeindemitglieder hätten dies ermöglichen können.
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