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Dr. Alfred Wesselmann über Georg Bühren, "Das Zirkular" ? Buchbesprechung

Ein veritabler Handlungsträger der Revolution in Deutschland 1848 wird der Held eines Romans. Die Rede ist von Hermann Kriege, der 1820 in Lienen in Westfalen geboren wurde und 1850 in New York im Irrenhaus starb.

Georg Bühren, Jahrgang 1955, ebenfalls Westfale und Redakteur beim Westdeutschen Rundfunk, hat Hermann Krieges Leben zum Sujet seines Romans "Das Zirkular" gemacht, der 2009 im Aisthesis-Verlag in Bielefeld erschienen ist.

Der nichtwissende Leser stutzt natürlich sofort bei diesem Titel. Georg Bühren macht das Vernichtungsurteil von Marx und Engels von 1846, dem sie die Bezeichnung ?Zirkular gegen Kriege? gaben, zum Dreh- und Angelpunkt im Leben des Hermann Kriege. Der 26-jährige Kriege wurde in diesem Zirkular von dem gleichaltrigen Friedrich Engels und dem zwei Jahre älteren Karl Marx nach allen Regeln des intellektuellen Stalinismus ? nichts passt hier besser als dieser Begriff avant la lettre ? fertig gemacht.

Dass Hermann Kriege im Irrenhaus endete, drängt sich dem Kenner der Auseinandersetzungen im Lager der Kommunisten und Sozialisten vor 1848 als nahezu unausweichliche Konsequenz auf. Wer wie Hermann Kriege den Menschen, wie er in der damaligen Zeit lebte und litt, in den Mittelpunkt stellte, hatte vor den Schranken des Gerichts, bei dem Marx und Engels die selbstverfertigten Gesetze des historischen Materialismus exekutierten, nicht den Hauch einer Chance.

Von diesem Fixpunkt ausgehend erzählt Georg Bühren die Lebensgeschichte des Hermann Kriege auf zwei Ebenen. Die erste Ebene ist, dass Kriege sich 1850 im Bloomingdale Asylum, einem Irrenhaus, befindet. Zwar ist es eine renommierte medizinische Einrichtung bei New York, von deren Qualität sich Mathilde, Krieges Frau, überzeugt hat, bevor sie ihn dort unterbringt. Hier bringt Kriege seine manchmal konfusen, manchmal luziden Sorgen und Hoffnungen zu Papier. Immer wieder bedrängt ihn der Gedanke, dass seine Widersacher ihn auch hier noch verfolgen, bis diese Sorge ihm schließlich den Verstand raubt und er am Silvestertag des Jahres 1850 stirbt.

Eine zweite Erzählebene besteht aus Rückblenden aus dem Bloomingdale Asylum. Als Ich-Erzähler referiert Kriege alle wesentlichen Stationen seines Lebens: die Kindheit in Lienen, das Studium in Bonn, Leipzig und München, den Militärdienst in Bielefeld, die Flucht in die USA, die Teilnahme an der Revolution 1848 in Deutschland. Schließlich läuft der Erzählstrang der Rückblenden mit der bedrohlichen Gegenwart im Irrenhaus in New York zusammen.

Diese Erzählweise kann den Leser gewinnen, ja sogar fesseln. Zugleich gelingt es Georg Bühren auch, die Bauform dieser Erzählung mit Elementen des Bildungs- oder Reiseromans zu verschmelzen. Welche Orte Kriege auch ansteuerte und welche Menschen er dort traf, es waren immer Begegnungen, die ihn intellektuell und charakterlich voranbrachten. Exemplarisch seien hier genannt: Leipzig und Robert Blum, Bruckberg (bei Nürnberg) und Ludwig Feuerbach, London und Wilhelm Weitling, New York und die Founding Fathers der amerikanischen Demokratie.

In dieser Erzählung hält sich Georg Bühren im Allgemeinen an die historischen Fakten, die er mit dichterischer Freiheit ausschmückt. Doch für meinen Geschmack ist der Verfasser hier zu sehr Historiker und zu wenig Romancier. Der Leser begegnet im Roman nahezu jedem Zeitgenossen, dem Hermann Kriege realiter begegnet ist. Dabei kommt es zwangsläufig dazu, dass der neugierige Leser mit dem einen oder anderen Namen nicht viel anfangen kann. Und aus der real-fiktiven Begegnung mit Hermann Kriege wird ihm auch keine Erleuchtung zu Teil. Viele dieser Charaktere bleiben blass; es sind flat characters. Große Teile des Romans erscheinen so als fiktionalisiertes name dropping: der Leser kann nur bewundern, mit welchen Koryphäen seiner Zeit Hermann Kriege auf vertrautem Fuß stand.

Doch gibt es auch eine andere Seite. Ein Glanzstück der Erzählung ist, wie Hermann Kriege im Bloomingdale Asylum wieder einmal über das Zirkular grübelt. Dabei entsteht vor seinem inneren Auge die Phantasmagorie einer Schiffsfahrt über den Atlantik. Das Schiff havariert. Auf dem Rettungsfloß übernimmt Karl Marx das Kommando, alle anderen (auch Engels) müssen rudern. Der selbsternannte sadistische Kapitän zwingt Kriege und Weitling ins kalte Wasser. Dann wacht Hermann Kriege aus diesem Alptraum auf (S. 267-269). Etwas anders vom Motiv her, aber ebenso zwingend erzählt wird eine (wohl fiktive) Begegnung zwischen dem westfälischen Demokraten Jodokus Temme und Hermann Kriege auf dem demokratischen Kongress in Berlin im Oktober 1848 (S. 345-348). Temme belehrt Kriege auf höchst beeindruckende Weise, dass Form und Inhalt einander bedingen: hohe demokratische Ideale überzeugen umso mehr, je besser die Umgangsformen ihrer Repräsentanten sind. Ein drittes Beispiel ist, wie Kriege dem in Amerika reich gewordenen Johann Jacob Astor in Gedanken begegnet. Das Bild des hartleibigen Geldmenschen Astor verwandelt sich in das Bild von Hermanns Vater, dem hartleibigen Geldmenschen aus Lienen (S. 218-1219).

Solche Perlen finden sich zahlreich in dem Roman. Doch leider stehen auch kraftlose Passagen neben dem ausdrucksstarken, plastischen Originalton Hermann Krieges. Dafür ein Beispiel: Im Sommer 1850 suchte Hermann Kriege eine Arbeit als Journalist in Chicago. Er spürte schon, wie ihn eine psychische Erkrankung beschlich. Von Chicago schrieb er seiner Frau Mathilde, die in New York zurück geblieben war:

?Liebe Mathilde, mir fehlt nichts als eine nützliche Arbeit. [?] Bist mir doch nicht böse, dass ich immer noch nicht ganz wieder hergestellt bin, dass ich immer noch Augenblicke habe, wo ich in trostloser Verzweiflung an meiner Natur zusammensinken möchte? O Mathilde, ich habe letzthin Tränen geweint, als mir einfiel, wie sauer es mir wird, Dir ein Ruheplätzchen zu erobern. Ach, ich bin ein armer zerschossener Vogel, ich muss hier in den Westen ziehen, sonst wachsen mir die Flügel nie recht wieder ? Ich bin so wirr im Kopf, dass ich keinen vernünftigen Satz mehr schreiben kann.? (S. 400)

Als Kriege dann bei der Illinois Staatszeitung in Chicago eine Stelle gefunden hatte, legt Georg Bühren ihm folgende Worte in den Mund:

?Ich versuchte, freie Mitarbeiter und Korrespondenten in den großen Städten mit deutscher Bevölkerung zu gewinnen. Ich schrieb an Johann Bernhard Stallo, der jetzt in Cincinnati lebte, an Wilhelm Palm in St. Louis, an Gustav Körner in Belleville und an den Arzt Robert Wesselhöft in Brattleboro, Vermont. Letzterer war Urburschenschafter des Wartburgfestes von 1817 gewesen und hatte sieben Jahre im Gefängnis gesessen ?? (S. 401)

Hier sieht Georg Bühren vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr. Eine Straffung der Handlung, die viele Details dort gelassen hätte, wo sie hingehören, nämlich in die historische Sachliteratur, wäre dem Roman gut bekommen. Glänzend aber bleibt die Idee, die Biografie eines ungewöhnlichen Menschen an den Folgen eines infamen Rufmordes aufzuhängen: dem Zirkular gegen Kriege.

 

Georg Bühren:

Das Zirkular
Roman

Aisthesis-Verlag, Bielefeld 2009
414 Seiten
kartoniert/broschiert
ISBN 978-3-89528-736-7

19,80 ? inkl. MwSt.