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 Amerikanetz
 Netzwerk westfälische Amerika-Auswanderung seit dem 19. Jahrhundert

Westfälischer Fernost-Missionar Eberhard Hermann Röttger, "Erweckter" und Königstreuer im Dienst von Kirche und Staat (Eine Buchbesprechung von Friedrich Schütte)

Alfred Wesselmann (60), seinerzeit mit einer Arbeit über den 1848er westfälisch-amerikanischen Revolutionär und Auswanderer-"Hero" Hermann Kriege aus Lienen promoviert und heute Studiendirektor für Englisch und Geschichte am Hannah-Arendt-Gymnasium Lengerich sowie am Studienseminar in Rheine, hat mit seiner jüngsten Veröffentlichung über den protestantischen Missionar und Pfarrer Eberhard Hermann Röttger (1800–1888) u.a. die bewussten politischen Verbindungen des preußischen Könighauses wie auch der niederländischen Krone während des 19. Jahrhunderts mit evangelischer Mission (hier: in Asien) auf bemerkenswerte Weise nachgewiesen.

Nicht, dass der aus kleinsten Verhältnissen des Tecklenburger Landes stammende Heuerlingssohn und Gottesmann Röttger es mit seiner geistlichen Berufung und Mission seinerzeit nicht ernst gemeint hätte. Nein, Röttger sah sich als "wahrhaft Erweckter" nach Art der "pietistischen Ravensberger Erweckungsbewegung", die seinerzeit bis ins Tecklenburger Land ausstrahlte. Doch seine missionarischen Bemühungen im Dienste der Nederlandsch Zendeling Genootschaft (NZG) zwischen 1832 und 1842 (von Riau aus bis Sumatra, Borneo und nach China hinein) waren trotz allen Einsatzes und großer persönlicher Opfer mehr als bescheiden. Politisch jedoch bewegte der westfälische Gottesmann mit seiner geschickten Missonsdiplomatie Erstaunliches. Gleichwohl verbrachte Röttger die weitaus längste Zeit seines seelsorgerlichen Schaffens (eher missionsmüde und vor Ort nicht immer unumstritten) als Pfarrer in Lengerich (1847-57) und in Lotte (1857–88).

Das Buch ist einerseits spannend zu lesen und andererseits in unzähligen Fußnoten unglaublich dicht dokumentiert:

Wie dieser Gottesmann (Röttger) aus Lengerich-Hohne schon als Gardesoldat, nachfolgend auf der Missionsschule in Berlin, bleibende persönliche Verbindungen bis in das damalige Königshaus der Hohenzollern hinein aufbaute, diese brieflich klug zu halten und auszubauen verstand und lebenslang für sich einsetzte. Auf welche Weise er seinen Aufenthalt in Ostasien immer wieder nutzte, der königlichen Bibliothek zu Berlin seltene Bücher aus dem Reich der Mitte zu besorgen und später selbst noch von Lotte aus königstreue Politik betrieb – das war und ist schon absolut ungewöhnlich und dies hat Alfred Wesselmann mit einer Fülle an Dokumenten, literarischen Quellenangaben für das In-und Ausland, vor allem aus Kirchen- und Missionsarchiven in Holland wie in Deutschland quasi lückenlos belegt.

Dass wir Alfred Wesselmanns Buch speziell den Mitgliedern, Freunden und Nutzern unseres Amerika-Netzwerks vorstellen, ist im Kontext zu der Westfälischen Amerika-Auswandererforschung im 19. Jahrhundert zu sehen:

Das Tecklenburger Land und ganz besonders Lotte waren zu der Zeit, als Röttger dort Pfarrer war, Zentren der Migration (hier: nach Nordamerika). Geistliche spielten damals in der Demokratiebewegung und bei der Betreuung auswanderungswilliger Bürger vielfach eine zentrale Rolle, sei es als soziale oder politische Kritiker am preußischen Staat oder umgekehrt.

Als stockkonservativer Königstreuer und scharfer Kritiker freiheitsuchender "Achtundvierziger" wie etwa Hermann Kriege oder Wilhelm von Laer, war Röttger den Gegnern preußischen Absolutismus‘ offensichtlich keine Hilfe. Röttger ist lt. Wesselmann zwar "weder das eine noch das andere gewesen"; im Zweifel jedoch stand er hinter dem König, wie seine und seiner Gemeinden (von ihm inszenierte) zahlreichen, schriftlichen Treuebekundungen Richtung Berlin beweisen.

Hier zieht sich, über unser Fallbeispiel Röttger weit hinaus, absolute Königstreue evangelischer Untertanen wie ein roter Faden durch ganz Westfalen – von Röttger bis zum damaligen Hofprediger in Berlin, vom deutschnationalen Superintendenten Theodor Schmalenbach bis zu Volkening in Jöllenbeck, Westfalen: Sie waren im Zweifel gegen die neuen Freiheiten und damit gegen Demokratie und standen so, letztendlich, nicht auf der Seite der ihnen anvertrauten, zum allergrößten Teil bitterarmen und politisch unmündigen Menschen.

Und noch etwas zeigt Alfred Wesselmann am Beispiel Pfarrer Röttgers respektive damaliger preußischer Kirchenpolitik in Deutschland und speziell in Westfalen auf: Wie in den 1840er bis 1880er Jahren "von oben herunter" gezielt dafür gesorgt wurde, in gemischt konfessionellen Gebieten wie dem Tecklenburger Land "die richtigen", d.h. monarchietreue und, wenn eben möglich, e v a n g e l i s c h e n Kandidaten für das preußische Abgeordnetenhaus aufzustellen. Das war Kulturkampf pur – und zur Amtszeit des Lotter Pfarrers Röttger ein Anlass mehr, weshalb so vielen Menschen hierzulande nichts anderes übrig blieb, als ihre politische Mündigkeit in der "Neuen Welt" zu suchen.





Alfred Wesselmann: Eberhard Hermann Röttger (1800–1888), Missionar in Niederländisch-Indien, Pfarrer in Lengerich und Lotte. agenda-Verlag, Münster 2008.

290 Seiten
Preis: 19,80 € (Hardcover)
ISBN 978-3-89688-354-4