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 Netzwerk westfälische Amerika-Auswanderung seit dem 19. Jahrhundert

Auszug aus dem Wittlager Kreisblatt vom 01.09.2008:


Ein Venner wurde Sheriff in der Neuen Welt

Von Wolfgang Huge

Venne. Was ist aus den über 2000 Venner Auswanderern geworden? Langjährige Studien haben es an den Tag gebracht. Aus Venne sind in den Jahren von 1830 bis 1900 über 2000 Menschen in die USA ausgewandert, um in der Neuen Welt ihr Glück zu finden.



Die Brücke in Cincinnati. In dieser Stadt siedelten sich zahlreiche Auswanderer aus dem Osnabrücker Land an. Foto: privat

Dies haben Auswertungen von Udo Thörner aus Campemoor ergeben, der die Zahl der Auswanderungsfälle aus Ostercappeln und Schwagstorf in diesem Zeitraum auf zusätzliche 3000 schätzt. Insgesamt sollen damals über 90000 Menschen das Osnabrücker Land in Richtung „Neue Welt“ verlassen haben. Auch aus Bad Essen, Wehrendorf, Bohmte, Grambergen und Bissendorf stammten die Auswanderer, wie ein Blick in Auswanderungsverzeichnisse zeigt.

Wenn Udo Thörner Städte in den USA aufzählen soll, die im 19. Jahrhundert für viele deutsche Einwanderer zur neuen Heimat wurden, fallen ihm zunächst Metropolen wie Chicago, Minneapolis, St. Louis, New York und Cincinnati ein. Letztere wurde sogar zur „Hauptstadt“ der Auswanderer aus dem Osnabrücker Land.

Weniger im Rampenlicht der Betrachtungen von Auswanderungsforschern steht hingegen die Stadt Buffalo am Eriesee im Staat New York, die er mit seiner Frau im Oktober 2005 auf einer seiner sechs USA-Reisen besuchte. „Buffalo war für die meisten Einwanderer nur Zwischenstation auf ihrer Reise nach Westen. Die wenigsten blieben in der Hafenstadt hängen. Ohnehin verliefen die großen Einwandererströme weiter südlich: vom in den 30er bis 50er Jahren wichtigsten Einwandererhafen Baltimore über die Appallachen, anfangs zu Fuß, später über das kombinierte Kanal- und Eisenbahnnetz, weiter nach Westen auf Cincinnati zu“.

In der Stadt Buffalo stieß das Ehepaar in der „Public Library“, der öffentlichen Bibliothek, als deutsche Besucher auf eine reichhaltige Auswahl an Quellen, die über mikroverfilmte Kirchenbücher und Friedhofsverzeichnisse, Indices hierzu, Adressbücher, Familiengeschichten, Bibliografien, Volkszählungslisten und Atlanten bis hin zu wohl gehüteten Zeitungsausschnittsammlungen reichte.

Und so fanden sie dort etwa im Kirchenbuch der Deutschen Lutherischen Dreifaltigkeitskirche „Holy Trinity“ allein 40 Angaben über Einwanderer aus Bohmte, Venne, Rabber und Vehrte, Belm und Neuenkirchen bei Melle.

Solche Kleinarbeit leisteten die Thörners nicht nur in Buffalo. Auch in Venedy fanden sie nicht nur Spuren der Auswanderer aus Venne, sondern auch deren Nachfahren. Zum Beispiel über Adolf Hermann Sielschott (1835–1895) aus Vorwalde, Kirchspiel Venne. Er kam am 9. Oktober 1854 an Bord der „Hansa“ in New York an.

Eine bemerkenswerte Karriere in Illinois

Über seine bemerkenswerte Karriere im Städtchen Beardstown, Cass County, Illinois (etwa auf halbem Weg gelegen zwischen St. Louis und Chicago), berichtet eine zeitgenössische Biografie mit dem unvermeidlichen amerikanischen Pathos: „Wagemutig machte er sich sogleich auf den Weg nach Westen und erreichte Beardstown im Herbst desselben Jahres [1854]. Er entschied sich, hier zu bleiben, und hier begann er mit nichts als einer Fünf-Dollar-Goldmünze in der Tasche das Leben, das ihm und der ganzen Stadt so viel Gutes gebracht hat. Er suchte nicht lange nach einer angenehmen Arbeit. Da er bestens mit der Landwirtschaft vertraut war, nahm er eine Arbeitsstelle auf einer Farm an. Es gelang ihm, ein gewisses gesellschaftliches Ansehen zu erwerben.

1876 wurde er von einer großen Mehrheit in das Amt des Sheriffs gewählt und bewährte sich darin so gut, dass er mehrfach wiedergewählt wurde und somit ununterbrochen für zehn Jahre im Amt blieb. Unmittelbar darauf wurde er zum Kämmerer des Landkreises (county treasurer) bestimmt, ein Amt, das er vier Jahre, bis 1890, bekleidete. In das Jahr 1889 fiel die Gründung der First State Bank of Beardstown, und Herr Sielschott wurde zu ihrem Präsidenten gewählt. Unter seiner klugen Leitung prosperierte die Bank und ist heute [1892] eine der reichsten Banken des Staates. Zusätzlich zu den 14 Jahren, in denen er die bedeutsamen Ämter des Sheriffs und des Kämmerers bekleidete, diente er der Stadt Beardstown fünf Wahlperioden als Bürgermeister. Geschäftlich war Mr. Sielschott ein wichtiger Förderer vieler Unternehmungen, von denen die wohl bedeutendste die Konstruktion der schönen Brücke war, die bei Beardstown den Fluss Illinois überspannt.“

Zeit investiert in das Quellenstudium

In dieser Weise hat Udo Thörner Fährte aufgenommen und alles zusammengetragen, was er über den Verbleib der Venner Auswanderer in Amerika finden konnte. Dazu war viel Arbeit in Archiven und Quellen notwendig. Schließlich lassen sich verlässliche Aussagen dazu nur machen, wenn die Namen der Auswanderer bekannt sind und in Erfahrung zu bringen ist, wo sie abgeblieben sind. Aufzuspüren sind sie zum Beispiel in der Deutschen Auswanderer-Datenbank im Historischen Museum Bremerhaven.

Deren Ziel ist die Erfassung aller Passagierlisten der Auswandererschiffe, die im Zeitraum von 1820 bis 1939 von vornehmlich deutschen Häfen aus die Vereinigten Staaten von Nordamerika angelaufen haben. Eine andere Quelle zur Suche bieten die „Forum Migration“-Datenbanken des Deutschen Auswandererhauses, die ebenfalls Gelegenheit zur persönlichen Spurensuche nach Namen ausgewanderter Verwandter bieten. Auch diese Einrichtung bietet die Möglichkeit der Bearbeitung einer Suchanfrage durch Experten, vor allem aber verfügt das Haus über eine sehenswerte Dauerausstellung zum Thema „Auswanderung“.

Eine ganz anders geartete Quelle bieten nach Thörner die Kirchenbücher und Volkszählungslisten vor Ort. Sofern sie umfassend erhalten geblieben sind, lässt sich für ein Kirchspiel einwandfrei klären, wie viele Personen hier ausgewandert sind:

„Die in einem Kirchenbuch verzeichnete Auflistung des Venner Pastors Stüve mit 637 Namen von Familien und Einzelpersonen (1874), abgeschrieben von der Pfarramtssekretärin Sigrid Küper (1980), war 1992 Ausgangspunkt einer genealogisch-biografischen Datensammlung über mittlerweile rund 2000 Einwohner aus Venne, die ihre Heimat zwischen 1830 und 1900 Richtung USA verlassen hatten. „Dabei wurde [...] klar, dass das Ausmaß dieser massenhaften Auswanderung ihre Auswirkungen auf die dörfliche Entwicklung von Venne gehabt haben muss und so ein bedeutendes Stück der Dorfgeschichte bildet“, betont der Autor.